Warum künstliche Intelligenz den Portfoliomanager wertvoller machen könnte.
„PM-Agent, stelle mir ein Portfolio aus globalen Aktien zusammen, deren Dividendenzahlungen in den letzten 10 Jahren durchschnittlich um 2.5% gestiegen sind und die nach generellen ESG-Richtlinien als Vorzeigefirmen gelten.“ Was nach einer Tonne Filter- und Research-Arbeit für einen erfahrenen Portfoliomanager klingt, soll nach Robinhood, einem US-Onlinebroker, morgen schon Realität sein. „Agentic Robinhood“ nennt sich das Ganze und bietet dem Nutzer eine Oberfläche, in der er ganz entspannt seine geistigen Ergüsse über künftige Markttrends eintippen kann, und der Agent geht für ihn die gewünschten Titel shoppen. Heute bedienen ETFs oder Actively Managed Certificates, kurz AMCs, das Feld des thematischen Investierens. Dass neue Innovationen bestehende Produkte ablösen, ist kein Novum. Was heute ETFs sind, waren früher Mutual Funds. Und davor Broker Accounts. Viel spannender ist die Frage zur Rolle derjenigen Person, die heute für die Kreierung und Implementation dieser Produkte verantwortlich ist: Wie sieht der Job des Portfoliomanagers von morgen aus, wenn die Ausführung einer Idee vollständig an einen Agenten abgetreten werden kann? Wird es ihn überhaupt noch geben und wenn ja in welcher Kapazität?
Daniel Loeb, der Fundamental-Investor
Daniel Loeb ist Gründer und Portfoliomanager des Hedgefonds Third Point. Dieser ist ein aktivistischer Investor, welcher bei wenigen Firmen Beteiligungen hat, mit dem Ziel mittels Einsitz in den Verwaltungsrat in das Geschäftsmodell einzuwirken. Naturgemäss ist die Arbeit von Third Point extrem analyseintensiv, um die lukrativen Targets zu identifizieren und die Opportunität zu beziffern. Loeb wurde gefragt, was einen guten Analysten in der Finanzbranche heute im Vergleich zu den 90er, als er selbst bei Investment Banken gearbeitet hat, ausmacht. Seine Antwort: Früher war ein wertvoller Analyst eine Person, die ein Modell schnell bauen und die Komplexität eines Deals oder einer Struktur erfassen konnte. Er nennt das Beispiel eines Bankrotts, bei dem er dank dem Studium der Offenlegungsunterlagen die Forderungen besser bewerten konnte als die Konkurrenz. Im Gegensatz dazu soll ein heutiger Analyst ein breites Verständnis über die Unternehmen, deren Geschäftsmodelle und die Industrien aufweisen, in denen sich die Firmen bewegen. Dank diesen Fähigkeiten können Analysten die wahren Wachstumstreiber eines Geschäfts identifizieren.
Kurzum: Früher war ein guter Analyst ein Techniker mit dem Auge fürs Detail; heute ist es ein Generalist mit dem Verständnis und der Intuition für die grösseren Zusammenhänge.
Cliff Asness, der Quant
Ins selbe Horn bläst ein weiterer Hedgefund-Manager. Cliff Asness ist Gründer und CEO der Investmentfirma AQR, die als quantitative Investorin schon seit Jahren mit unterschiedlichsten Initiativen auf Machine Learning und künstliche Intelligenz setzt. Er, der seit Anbeginn seiner Karriere nur auf Basis quantitativer Modelle investiert hat, die Maschine entscheiden liess, und zu keinem Zeitpunkt jemals genau wusste, welche Firmen sich in seinem Portfolio befinden; er, ausgerechnet, er der Superquant, wagt die Aussage: In Zukunft wird die ökonomische Intuition an Bedeutung gewinnen. Denn Maschinen bergen zwei fundamentale Risiken für Investoren: Die Überbewertung von Signalen und das Overfitting von Modellen auf die Vergangenheit. Märkte leiden unter einer sehr tiefen Signal-to-Noise-Ratio. Wenige Signale haben wirklich eine Bedeutung für die langfristige Marktentwicklung. Maschinen fällt es anscheinend schwer, hier den Cut zu machen, zwischen was Lärm ist und was wirklich zählt. Auch haben Maschinen die Tendenz, Modelle zu stark auf das Vergangene anzupassen, und damit zwar die Geschichte extrem gut wiedergeben können, aber für die Zukunft wenig Sinnvolles produzieren. Für beide Fälle sei es eben die menschliche ökonomische Intuition, welche die Maschinen in eine gewinnbringende Richtung lenken können.

Originalität als Gewinn
Beide sehen also keinesfalls eine Zukunft, in welcher der menschliche Portfoliomanager keinen Platz mehr hätte. Vielmehr beschreiben sie einen PM, der gerade auf Basis seiner Intuition und dem Verständnis für menschliche Handlungsweisen, in der Investmentwelt Mehrwert schaffen kann.
Dieses Bild stimmt auch mit dem, was Robinhood beabsichtigt, überein. Agenten übernehmen vielleicht den Teil der Exekution – der Input, die Investmentthese stammt unverändert vom Nutzer. Was dabei an Bedeutung gewinnt, ist eine urmenschliche Eigenschaft: Die Originalität.
Was KI bereits verändert hat
In unserem Team handeln die Portfoliomanager jeden Tag mit Wertschriften. Manchmal als Block, manchmal einzeln auf jedem Mandat. Als unabhängiger Vermögensverwalter arbeiten wir mit einer Vielzahl von Banken und jede hat ihre Eigenheiten. Manche ermöglichen den Handel aus unserem eigenen Portfoliomanagementsystem heraus, andere wiederum nicht. Entsprechend effizient oder ineffizient können Transaktionen abgewickelt werden. Die Vereinheitlichung dieses Handelsprozesses über unser eigenes System wäre bereits ein Meilenstein. Die Einrichtung eines Agenten, wie von Robinhood skizziert, der nicht nur den Handel übernimmt, sondern die Investmentthese direkt in den Kauf der richtigen Instrumente im richtigen Ausmass zum korrekten Zeitpunkt übersetzt, wäre regelrecht revolutionär.
Der grösste Produktivitätsgewinn liegt derzeit nicht im Handel selbst, sondern in den Anwendungen rund um den Investmentprozess. Simulationen für Kunden, Selektion von Instrumenten, Konstruktion von Portfolios, Pricing von illiquiden Anlagen: In jedem dieser Felder konnten wir mit der Unterstützung von KI Modelle entwickeln, welche robuste und belastbare Resultate liefern. Dadurch verbessert sich die Qualität der Beratung. Der eigentliche Mehrwert entsteht jedoch dort, wo neue Fragen gestellt werden können.
Der unbewegte Beweger
Der Input, die Initialzündung, die Entscheidung, dass etwas über ein Modell abgebildet werden soll, die Grundlagen des Modells, die Abstimmung mit dem Kunden, die stetige Verbesserung auf Basis menschlichen Feedbacks, die ökonomische Interpretation und das Vertrauen, verwandte Situationen schon mal gemeistert zu haben – all das muss unverändert durch Portfoliomanager verkörpert werden.
Der Wandel schreitet voran. Wer denkt, die aktuellen Entwicklungen wären eine Phase, liegt falsch. Von hier aus werden wir noch eine weitere Beschleunigung des technischen Fortschritts beobachten können. Die Maschine wird leistungsfähiger werden. Doch jede Maschine benötigt eine Frage. Jede Innovation eine Idee. Jede Investmentthese einen Ursprung. Stein des Anstosses ist aber nicht die Maschine, sondern der Mensch als unbewegter Beweger.
https://alexanderseiler1.substack.com/p/der-unbewegte-beweger
